Welpe fordert ständig Aufmerksamkeit: Tipps gegen das Bellen und Anstupsen

Welpe fordert ständig Aufmerksamkeit: Tipps gegen das Bellen und Anstupsen

Es ist kurz nach elf Uhr nachts und ich sitze auf der untersten Stufe meiner Küchentreppe in Leipzig-Reudnitz. Vor mir steht eine Tasse kalter Kaffee, hinter mir liegt eine halbfertige Hausarbeit für mein Lehramtsstudium, die eigentlich morgen fällig wäre. Und neben mir? Neben mir sitzt ein fünf Kilo schweres Energiebündel aus dem Tierschutz und starrt mich an. Nein, er starrt mich nicht nur an. Er bellt. Ein kurzes, scharfes Wuff, das direkt in mein übermüdetes Gehirn schneidet, gefolgt von einem penetranten Anstupsen seiner feuchten Nase gegen mein Knie.

Der Geruch von abgestandenem Kaffee vermischt mit nassem Hundeshampoo an meinem Lieblingshoodie ist mittlerweile mein Standard-Parfüm, während ich fassungslos auf die Küchenuhr starre. Ich liebe diesen kleinen Kerl, wirklich. Aber in diesem Moment fühle ich nur diese brennende, stechende Scham, auf der Treppe zu weinen, weil ein winziges Tier beschlossen hat, dass ich erst nach 4 Uhr morgens schlafen darf – oder eben jetzt, mitten in der Nacht, gefälligst den Ball werfen soll.

Der ganz normale Wahnsinn: Warum mein Welpe keine Grenzen kennt

Ich dachte, ich wäre vorbereitet. Ich habe Bücher gelesen, ich studiere verdammt noch mal Pädagogik! Aber ein 14 Wochen alter Welpe hält sich nicht an einen Lehrplan. In meiner ersten Woche war ich so fertig, dass ich ihn am liebsten zurückgebracht hätte. Zweimal hat er ins Bett gepinkelt, ein Kissen zerlegt und mich so um den Schlaf gebracht, dass ich am Dienstagabend einfach nur noch schluchzend in der Küche saß. Mein Freundeskreis? Die schicken mir Herz-Emojis bei Instagram, wenn ich ein Foto von ihm poste, wie er schläft. Aber niemand versteht, was Puppy Blues wirklich bedeutet. Sie sehen den süßen Hund, ich sehe die zerkaute Fernbedienung und meine Augenringe.

Das größte Problem im Moment ist dieses ständige Fordern von Aufmerksamkeit. Sobald ich mich an den Laptop setze oder versuche, mal fünf Minuten in Ruhe ein Telefonat zu führen, geht es los. Wuff. Stups. Wuff. Wenn ich ihn anschaue, wedelt er. Wenn ich „Nein“ sage, denkt er, wir spielen ein Spiel. Es ist ein Teufelskreis, der mich in den Wahnsinn treibt. Vor allem, weil man überall hört: „Du musst das einfach ignorieren!“

Nahaufnahme eines Welpen der seine Nase fordernd gegen das Knie seines Besitzers stupst.

Die „Ignorieren“-Lüge: Warum es bei uns alles nur schlimmer machte

An einem verregneten Dienstagabend im Juli – ich war gerade dabei, die Unterlagen für die Hundesteuer fertigzumachen (man hat in Leipzig ja nur 2 Wochen Zeit für die Anmeldung, und ich war natürlich mal wieder knapp dran) – habe ich es versucht. Ich habe ihn konsequent ignoriert. Er bellte. Ich starrte an die Wand. Er stupste. Ich blieb wie versteinert. Und was passierte? Er wurde nicht etwa ruhig. Er wurde HYSTERISCH.

Er hat sich so in Rage gebellt, dass ich Angst hatte, die Nachbarn rufen das Ordnungsamt. Genau hier kam der Wendepunkt durch meinen Online-Welpenkurs. Ich habe gelernt, dass ständiges Ignorieren oft genau zum Gegenteil führt. Der Welpe versteht nicht, warum die Kommunikation plötzlich abbricht. Er gerät in einen frustrierten Stresszustand, der sich immer weiter hochschaukelt. Er bellt dann nicht mehr, weil er „frech“ ist, sondern weil er vor lauter Frust nicht mehr weiß, wohin mit sich selbst. Negative Aufmerksamkeit ist für ihn in diesem Moment immer noch besser als gar keine – und wenn gar nichts kommt, dreht er völlig hohl.

Das war für mich eine echte Offenbarung. Ich dachte immer, ich bin zu inkonsequent. Dabei war ich einfach nur blind für seinen Stress. Wenn er mich anstupst, während ich lerne, ist das oft ein Zeichen von massiver Überforderung. Ein Welpe in dem Alter braucht nämlich zwischen 18 und 20 Stunden Schlaf am Tag. Mein kleiner Terrorist war an diesem besagten Dienstag bestimmt schon sechs Stunden am Stück wach, weil ich dachte, ich müsste ihn „auslasten“.

Meine Strategie gegen das Dauer-Bellen (und für meine geistige Gesundheit)

Nachdem ich das zweite Modul im Kurs durchgearbeitet hatte, habe ich angefangen, Dinge anders zu machen. Anstatt darauf zu warten, dass er bellt, und ihn dann zu ignorieren (was uns beide nur gestresst hat), habe ich angefangen, „aktives Nichtstun“ zu belohnen. Das klingt total paradox, ist aber der Schlüssel. Ich habe immer ein paar Leckerlis in der Hosentasche meines Hoodies (ja, die riecht jetzt auch nach Pansen, herrlich). Wenn er sich einfach nur irgendwo hinlegt, ohne dass ich ihn dazu aufgefordert habe: Marker-Wort und Keks.

Außerdem habe ich gelernt, die Anzeichen früher zu erkennen. Wenn er anfängt, unruhig im Zimmer hin und her zu laufen, ist das meistens der Moment, in dem er eigentlich eine Pause bräuchte. Anstatt dann noch ein Zerrspiel anzufangen, schicke ich ihn sanft auf seinen Platz. Das hat am Anfang überhaupt nicht geklappt, weil er immer wieder aufgesprungen ist. Ich musste ihm erst mal mühsam das Bleib Kommando beibringen, damit er versteht, dass „auf dem Platz liegen“ kein Hausarrest ist, sondern Entspannung.

Ein schlafender Welpe in seinem Körbchen als Zeichen für gelungene Ruhephasen im Training.

3 Dinge, die bei uns gar nicht funktioniert haben:

Was hingegen wirklich hilft, ist Struktur. Ich habe jetzt feste „Ruhezeiten“ eingeführt, in denen gar nichts passiert. Kein Spiel, kein Gucken, kein Reden. Am Anfang hat er mich entgeistert angeschaut, aber mittlerweile weiß er: Wenn ich an diesem einen Küchentisch sitze, gibt es keine Action. Es war ein harter Weg dahin, vor allem weil ich mich oft so schuldig gefühlt habe. Ich dachte, ich müsste ihn jede freie Minute bespaßen, weil er ja aus dem Tierschutz kommt und es „gut haben“ soll.

Grenzen setzen ist nicht fies, sondern lebensnotwendig

Gestern Abend hatte ich das erste Mal seit Wochen einen Moment relativer Stille. Er lag in seinem Körbchen, ich konnte tatsächlich zwei Seiten meiner Hausarbeit schreiben, ohne dass er mir den Ärmel vom Pulli zerkaut hat. Es war fast schon unheimlich. Ich habe begriffen, dass Grenzen zu setzen nichts mit „böse sein“ zu tun hat. Es ist das, was uns beide überleben lässt. Ohne diese Struktur würde ich wahrscheinlich irgendwann schreiend durch Leipzig rennen und er wäre ein völlig überdrehter Hund, der nie gelernt hat, zur Ruhe zu kommen.

Natürlich gibt es immer noch Rückschläge. Letzte Woche gab es eine Situation, in der er wieder völlig am Rad gedreht hat, weil ich Besuch hatte. Da hat gar nichts mehr geholfen, kein Keks und kein Ignorieren. In solchen Momenten merke ich, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Aber die Nächte, in denen ich auf der Küchentreppe weine, werden seltener. Ein großes Thema war bei uns auch, dass er nachts einfach nicht zur Ruhe kam, wenn er nicht direkt bei mir war. Falls du gerade ähnliches durchmachst, ich hab da mal aufgeschrieben, wie wir das Problem gelöst haben, als der Welpe nicht im eigenen Bett schlafen wollte – das war nämlich der nächste Endgegner auf unserer Liste.

Am Ende des Tages ist es wohl einfach so: Wir lernen beide. Er lernt, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich mal nicht den Ball werfe. Und ich lerne, dass ich keine schlechte „Hundemama“ bin, nur weil ich mal meine Ruhe will. Der Puppy Blues ist real, Leute. Aber wenn man erst mal versteht, dass Bellen oft ein Schrei nach Struktur (und Schlaf!) ist, wird es ein ganz kleines bisschen leichter. Jetzt trinke ich erst mal meinen kalten Kaffee aus und versuche, die Hausarbeit fertig zu kriegen. Drückt mir die Daumen, dass der kleine Wolf noch eine Stunde weiterschläft.