Welpe hat seine wilden 5 Minuten: Tipps gegen abendliches Überdrehen

Welpe hat seine wilden 5 Minuten: Tipps gegen abendliches Überdrehen

Es ist kurz nach zehn an einem Dienstagabend im Mai und ich möchte eigentlich nur noch weinen. In meiner kleinen Leipziger Altbauwohnung herrscht das absolute Chaos. Mein 14 Wochen alter Mischling rast gerade mit einer Geschwindigkeit durch das Wohnzimmer, die physikalisch eigentlich gar nicht möglich sein sollte – und das SCHON WIEDER. Das hektische Klackern der Krallen auf dem Leipziger Altbau-Laminat fühlt sich in meinen Ohren an wie ein Presslufthammer, während ich völlig entkräftet am Küchentisch sitze und zusehe, wie mein mühsam erspartes IKEA-Kissen in seine Einzelteile zerlegt wird.

Ich bin Lehramtsstudentin, keine Profitrainerin. Ich sollte eigentlich für mein Seminar am Mittwochmorgen lesen, aber stattdessen starre ich fassungslos auf diesen flauschigen Wirbelwind, der gerade beschlossen hat, dass meine Vorhänge die perfekten Sparringspartner für einen Ringkampf sind. Kennst du das? Wenn du denkst, du hast alles richtig gemacht, und dein Hund verwandelt sich pünktlich zum Feierabend in ein kleines, felligeres Monster? Willkommen in meinem Leben mit den sogenannten FRAPs.

Wenn aus dem süßen Welpen ein Gremlin wird

Anfangs dachte ich wirklich, ich mache etwas falsch. Ich dachte, er hat einfach noch zu viel Energie. Also bin ich Ende März, als er gerade eingezogen war, noch eine extra Runde um den Block gelaufen. Ich habe Bälle geworfen. Ich habe ihn bespaßt, bis ich selbst Blasen an den Füßen hatte. Und was war das Ergebnis? Er wurde noch wilder. Er hat nicht nur die wilden 5 Minuten – bei ihm waren es eher die wilden 50 Minuten. Er hat in meine Füße gebissen, die Tapete angeknabbert und dieses irre Leuchten in den Augen gehabt, das mir klargemacht hat: Er ist gerade auf einem ganz anderen Planeten.

Ein junger Welpe kaut spielerisch an einem Vorhang in einer Altbauwohnung.

In der erste Aprilwoche war ich so verzweifelt, dass ich nachts im Bett lag und gegoogelt habe, ob man Hunde wegen "akuter Verrücktheit" reklamieren kann (natürlich nicht, ich liebe den Kleinen ja, aber du weißt, was ich meine). Mein ganzer Freundeskreis hat nur genickt und gesagt: "Ja, Welpen sind halt so." Aber niemand hat mir gesagt, wie man das übersteht, wenn man am nächsten Tag eine Hausarbeit abgeben muss und die Augen vor Müdigkeit brennen.

Ich habe dann angefangen, alles aufzuschreiben. Das brennende Gefühl in den Augen vor Müdigkeit, während ich versuche, eine Lektion des Online-Welpenkurses auf dem Laptop zu verstehen, ist mittlerweile mein Dauerzustand. In diesem Kurs habe ich dann zum ersten Mal von Frenetic Random Activity Periods gehört – kurz FRAPs. Ein schicker Name für: Dein Hund hat gerade einen kompletten Systemabsturz.

Die Erkenntnis: Nach müde kommt ganz viel blöd

Ein Modul in meinem Online-Kurs hat mir dann endlich die Augen geöffnet. Die Trainerin erklärte dort, dass Welpen einen täglichen Schlafbedarf von 18 bis 20 Stunden haben. 18 BIS 20 STUNDEN! Mein Kleiner war vielleicht auf zwölf gekommen, wenn es hochkam. Ich dachte immer, ich müsste ihn "auspowern", damit er schläft. Aber die Wahrheit war: Er war völlig überreizt. Sein Nervensystem war wie ein übervoller Browser-Tab-Speicher, der kurz vor dem Absturz steht.

Das abendliche Überdrehen ist oft ein Ventil für den Stressabbau des über den Tag Erlebten. Alles, was er draußen gesehen hat – die Straßenbahn in der Südvorstadt, die anderen Hunde im Park, das Klappern der Müllabfuhr – all das muss irgendwo hin. Wenn das Fass überläuft, rennen sie halt. Das Problem bei uns war: Ich habe noch mehr Reize oben draufgekippt. Ich habe versucht, ihn mit Spielzeug abzulenken, was ihn nur noch mehr gepusht hat. Es war ein Teufelskreis aus Müdigkeit und Adrenalin.

Besonders schlimm war es, wenn ich versucht habe, ruhig zu bleiben, während er an meinem Hosenbein hing. Da hilft dann auch kein tiefes Durchatmen mehr, wenn die Zähne wie Nadeln in die Wade pieksen. Wenn du auch so ein kleines Krokodil zu Hause hast, schau dir unbedingt mal an, was ich gelernt habe, als mein Welpe beißt in Hände und Füße – das hat mir in diesen Momenten echt den Hintern gerettet.

Ein Laptop mit einem Online-Welpenkurs auf einem Küchentisch bei Nacht.

Mein Geheimtipp: Der kontrollierte Energie-Ablass

Jetzt kommt der Punkt, der für mich alles verändert hat und den ich so in keinem Standard-Ratgeber gefunden habe. Überall steht: "Ignorieren" oder "Ruhe bewahren". Aber versuch mal, einen 14 Wochen alten Welpen zu ignorieren, der gerade versucht, die Polsterung deines Sofas zu fressen. Spoiler: Es funktioniert nicht. Mein Online-Kurs hat mir einen ganz anderen Weg gezeigt, den ich erst für verrückt hielt.

Anstatt ihn sofort zur Ruhe zu zwingen, was oft zu noch mehr Frust führt, gebe ich ihm jetzt ein Ventil für die unterforderte geistige Energie. Oft resultiert das Überdrehen nämlich daraus, dass der Körper zwar müde ist, aber der Kopf noch eine letzte Aufgabe braucht, um "runterzufahren". Ich nenne es den kontrollierten 5-Minuten-Discharge. Wenn ich merke, der Blick wird glasig und die Rennerei geht los, mache ich Folgendes:

Dieser Ansatz klingt paradox – den Hund erst nochmal kurz hochzufahren, bevor man ihn schlafen schickt. Aber für uns war es der Durchbruch. Es ist, als würde man bei einem Computer erst den Cache leeren, bevor man ihn herunterfährt. Wenn er nach diesen zwei Minuten Sucharbeit tief durchatmet, ist der Moment gekommen, wo ich ihn sanft auf seinen Platz begleite oder ihn in seinen Auslauf bringe.

Vom Überlebensmodus zur Struktur

Nach etwa sechs Wochen mit diesem neuen Plan merke ich endlich eine Veränderung. Es ist nicht perfekt – Gott bewahre, gestern hat er trotzdem versucht, meinen Hausschuh zu adoptieren – aber die Abende sind nicht mehr so hochexplosiv. Ich habe gelernt, dass ich nicht sofort eine perfekte Hundetrainerin sein muss. Ich bin eine Studentin, die lernt, wie man mit einem anderen Lebewesen kommuniziert. Das braucht Zeit.

Ich erinnere mich noch an einen Abend im Mai, es war ein Dienstag, da saß ich einfach nur da und habe zugeschaut, wie er nach seinem Suchspiel endlich eingeschlafen ist. Sein kleiner Bauch hat sich gleichmäßig gehoben und gesenkt, und ich dachte mir: Wir schaffen das. Auch wenn ich zwischendurch dachte, ich müsste ihn zurückgeben, weil ich einfach keine Kraft mehr hatte. Diese kleinen Siege sind es, die mich weitermachen lassen.

Ein Welpe schläft friedlich auf den Füßen seiner Besitzerin in Wollsocken.

Was mir auch extrem geholfen hat, war ein fester Ablauf. Mein Tagesablauf Welpe 14 Wochen ist mittlerweile heilig für mich. Struktur gibt nicht nur dem Hund Sicherheit, sondern vor allem mir. Ich weiß jetzt, wann die kritische Phase kommt und kann gegensteuern, bevor der erste Vorhang fällt. Es ist ein bisschen wie in der Prüfungsphase: Wenn man einen Plan hat, wirkt der Berg an Arbeit (oder Chaos) plötzlich nicht mehr ganz so unbezwingbar.

Manchmal ist es auch einfach der Frust über andere Dinge, der sich auf den Hund überträgt. Das ist fast so frustrierend wie wenn der Welpe zieht an der Leine, weil man einfach das Gefühl hat, keine Kontrolle zu haben. Aber hey, wir sind Anfängerinnen! Es ist okay, wenn wir nicht alles sofort wissen. Der Online-Welpenkurs war für mich der Rettungsanker, weil er mir die biologischen Hintergründe erklärt hat, ohne dass es sich wie eine trockene Vorlesung angefühlt hat.

Was du heute Abend tun kannst

Wenn du gerade diesen Artikel liest, während dein Welpe hinter dir die Tapete dekoriert: Atme tief durch. Du bist keine schlechte Hunde-Mama, nur weil dein Hund gerade die Zoomies hat. Er hat einfach keine Impulskontrolle – das ist biologisch in dem Alter noch gar nicht möglich. Das Gehirn ist eine Baustelle, genau wie meine Bachelorarbeit.

Versuch es mal mit der 5-Minuten-Regel: Gib ihm eine kurze, knackige Aufgabe (Zergeln oder Suchen) und dann begleite ihn konsequent in die Ruhe. Kein Spielzeug mehr, kein Gerede, kein Blickkontakt. Manchmal hilft es auch, sich einfach daneben zu setzen und eine Hand auf seinen Rücken zu legen (wenn er nicht gerade nach dir schnappt). Die Wärme und der ruhige Atem von uns übertragen sich oft mehr, als wir denken.

Ich weiß, es ist hart. Ich saß selbst weinend auf der Treppe. Aber es wird besser. Jede Woche ein kleines bisschen. Und irgendwann sitzen wir abends da, trinken in Ruhe einen Wein (oder einen Kaffee, wenn die Nacht wieder lang war) und der Hund schläft einfach. Ohne Vorhänge zu fressen. Versprochen!