
Ich sitze am Küchentisch, vor mir liegen die Skripte für mein Pädagogik-Modul, und eigentlich müsste ich mich dringend auf die Prüfung vorbereiten. Aber statt konzentriert zu lesen, starre ich auf meine Füße, an denen ein 14 Wochen alter Wirbelwind mit einer Ausdauer zerrt, die ich mir für meine Hausarbeit wünschen würde. Er winselt, er knurrt meine Schnürsenkel an, und ich? Ich bin kurz davor, die Skripte einfach aus dem Fenster zu werfen und mitzuheulen.
Eigentlich sollte er jetzt schlafen. In jedem Ratgeber steht, dass Welpen ein unglaubliches Schlafbedürfnis von 18-20 Stunden am Tag haben. Aber mein kleiner Mitbewohner aus dem Tierschutz scheint diese Statistik für eine unverbindliche Empfehlung zu halten. Seit er vor etwa zwei Monaten bei mir in Leipzig eingezogen ist, fühlt sich mein Leben eher nach einem 24-Stunden-Wachdienst an als nach dem entspannten Studentenleben, das ich mir mit Hund vorgestellt hatte.
Der Zusammenbruch auf der Küchentreppe
Ich weiß noch genau, wie ich am Dienstagabend in der ersten Woche auf der Küchentreppe saß und einfach nur geweint habe. Es war dieses bittere Schluchzen, weil ich mich so unendlich schämte, dass ein 4-Kilo-Hund mein gesamtes organisiertes Studentenleben in Trümmer gelegt hat. In dieser Nacht vermischte sich der beißende Geruch von Enzymreiniger mit dem Aroma von abgestandenem Kaffee, während ich versuchte, die Matratze trocken zu föhnen, weil er zum zweiten Mal ins Bett gepinkelt hatte.
In diesem Moment dachte ich wirklich: Ich schaffe das nicht. Ich bin im 10. Semester, das Lehramt-Staatsexamen rückt näher, und ich kriege es nicht mal hin, dass dieser Hund mal eine Stunde die Augen zumacht. Meine Freunde in der Fachschaft verstehen das überhaupt nicht. Die sagen: 'Ist doch süß, der schläft doch bestimmt viel!' NEIN, TUT ER NICHT. Er ist wie ein Kleinkind auf Speed, das den Absprung nicht findet.

Ruhe ist kein Zufall, sondern ein Schulfach
Der Wendepunkt kam Mitte Mai, mitten in der intensivsten Prüfungsphase. Ich war völlig am Ende, hatte den Puppy Blues in seiner reinsten Form und war kurz davor, den Online-Welpenkurs abzubrechen, weil ich dachte, ich hätte eh keine Zeit dafür. Aber genau dort habe ich gelernt: Ruhe ist eine Fähigkeit. Ein Welpe weiß nicht von Natur aus, dass er müde ist. Er überdreht einfach immer weiter, bis er völlig 'drüber' ist – genau wie ich, wenn ich die dritte Nacht in Folge nur vier Stunden geschlafen habe.
Ich hatte immer gedacht, ich muss ihn auspowern. Also bin ich länger spazieren gegangen, habe mehr Bällchen geworfen, mehr Suchspiele gemacht. Das Ergebnis? Ein Hund, der noch fitter war und noch weniger zur Ruhe kam. Wenn dein Welpe seine wilden 5 Minuten hat, ist das oft kein Zeichen von zu wenig Bewegung, sondern von völlig überreizten Nerven. Das zu verstehen, war für mich als angehende Lehrerin eigentlich logisch, aber im eigenen Chaos habe ich es völlig übersehen.
Die Monotonie-Methode: Warum Isolation oft nicht hilft
Überall liest man, man solle den Hund in eine Box sperren oder in ein anderes Zimmer bringen, damit er schläft. Bei uns hat das überhaupt nicht funktioniert. Er hat gebrüllt, als würde ich ihn aussetzen, und ich saß mit schlechtem Gewissen am Schreibtisch und konnte erst recht nicht lernen. Mein Online-Kurs hat mir dann einen ganz anderen Weg gezeigt, den ich anfangs total skeptisch fand: Kontrolliertes Dabeisein bei monotonen Tätigkeiten.
Anstatt ihn wegzusperren, habe ich angefangen, ihn in meiner Nähe zu behalten, während ich Dinge tue, die für ihn sterbenslangweilig sind. Wenn ich meine Skripte lese, bewege ich mich kaum. Ich rede nicht mit ihm, ich schaue ihn nicht an, ich interagiere null. Am Anfang war das hart. ER HAT SCHON WIEDER DIE FERNBEDIENUNG angekaut oder ist mir mit seinem Spielzeug auf den Schoß gesprungen. Aber ich bin stur geblieben. Ich habe ihn sanft, aber bestimmt immer wieder auf seinen Platz neben meinem Schreibtisch zurückgeführt.
Diese Methode fördert die Impulskontrolle viel besser als die ständige Isolation. Er lernt, dass meine Anwesenheit nicht automatisch Action bedeutet. Dass es okay ist, einfach nur zu existieren, während ich arbeite. Das war ein harter Lernprozess, besonders wenn er wieder mal versucht hat, meine Zehen zu jagen. Falls du das auch kennst: Ich habe neulich aufgeschrieben, was mir geholfen hat, als der Welpe ständig in Hände und Füße gebissen hat – Spoiler: Es war nicht nur Geduld.

Feste Ruheinseln im Lernplan integrieren
Damit das mit dem Lernen klappt, habe ich meinen Tag radikal strukturiert. Ich nutze die Phasen, in denen er nach dem Fressen oder nach einer kurzen (!) Löserunde draußen sowieso etwas müder ist. Früher bin ich dann sofort an den Laptop gesprungen und habe hektisch getippt. Heute setze ich mich erst mal fünf Minuten still mit ihm hin, bis er sich wirklich abgelegt hat.
Hier sind meine drei wichtigsten Tipps für entspannte Lernphasen:
- Der 'Langeweile-Anker': Ich lege eine ganz bestimmte Decke neben meinen Schreibtisch, die es NUR gibt, wenn ich lerne. Darauf gibt es vielleicht einen Kauartikel, der ihn beruhigt (Kauen baut Stress ab!), aber ansonsten passiert dort nichts Spannendes.
- Keine Blickkontakte: Das klingt hart, aber sobald ich ihn anschaue, denkt er: 'Oh, Party!'. Ich ignoriere ihn beim Lernen komplett, solange er ruhig ist. Das ist die höchste Form der Liebe, auch wenn es sich am Anfang fies anfühlt.
- Uni-Rhythmus anpassen: Ich lerne jetzt oft in 90-Minuten-Blöcken. Danach gibt es eine kurze Pause für uns beide. Aber Achtung: In der Pause wird nicht wild getobt, sonst kriege ich ihn danach nie wieder runtergefahren.
Nach den ersten drei Modulen des Welpenkurses habe ich gemerkt, wie viel entspannter wir beide geworden sind. Ich habe aufgehört, mich dafür zu hassen, dass mein Haushalt im Chaos versinkt oder ich mal eine Vorlesung verpasse. Es ist ein Prozess. Und ja, es gibt immer noch Tage, an denen ich ihn am liebsten zurückgeben würde – meistens dann, wenn er pünktlich zur Zoom-Konferenz anfängt, sein Quietsche-Spielzeug zu massakrieren.
Der Moment des Sieges
Letzte Woche hatte ich dann diesen einen Moment, auf den ich seit dem Einzug gewartet habe. Ich saß am Schreibtisch, draußen regnete es typisch Leipziger Schmuddelwetter, und ich war völlig vertieft in ein Kapitel über Entwicklungspsychologie. Nach einer Weile schaute ich nach unten und da lag er: alle viere von sich gestreckt, leises Schnarchen, völlig entspannt. Er hat zwei Stunden am Stück geschlafen, während ich arbeiten konnte.
Ich hätte fast wieder geweint, aber diesmal vor Erleichterung. Es wird besser. Man muss nur lernen, die Kontrolle ein Stück weit abzugeben und gleichzeitig konsequent in der Ruhe zu bleiben. Wenn wir jetzt draußen unterwegs sind, merke ich auch, wie viel einfacher alles wird, weil er generell weniger gestresst ist. Ich erzähle dir bald mal mehr darüber, wie ich das Leinentraining im Alltag meistere, denn das war die nächste riesige Baustelle nach dem Ruhe-Thema.
Falls du also gerade auch auf deiner Küchentreppe sitzt und denkst, dass du nie wieder ein normales Leben führen wirst: Du bist nicht allein. Atme tief durch, räum die zerfetzten Kissen weg und fang morgen einfach nochmal ganz ruhig von vorne an. Wir schaffen das!