Ich sitze hier auf der Küchentreppe in meiner Leipziger Altbau-WG, das Linoleum unter meinen Oberschenkeln ist verdammt kalt und ich heule. Es ist Dienstagabend, kurz nach elf, und eigentlich sollte ich an meiner Hausarbeit für das Fachdidaktik-Seminar sitzen. Aber stattdessen starre ich in den Flur, wo mein kleiner Mischling – diese vierzehn Wochen alte Katastrophe auf vier Pfoten – zusammengerollt auf seiner Decke liegt und schläft, als könnte er kein Wässerchen trüben.
Dass er vor einer Stunde noch mein Lieblingskissen in seine atomaren Bestandteile zerlegt hat (überall Federn, ÜBERALL!) und heute Morgen zum zweiten Mal in dieser Woche direkt auf meine Bettdecke gepinkelt hat, scheint er völlig vergessen zu haben. Er schnarcht leise und rhythmisch. Und während ich mir die Tränen von der Wange wische, frage ich mich: Ist das eigentlich normal? Dass er erst die ganze Wohnung abreißt und dann plötzlich wie tot umfällt und stundenlang pennt? Oder mache ich einfach alles falsch?
18 bis 20 Stunden? Das ist doch fast der ganze Tag!
In meiner Verzweiflung habe ich mich gestern Abend, als er endlich mal wieder eine seiner Ruhephasen hatte, in meinen Online-Welpenkurs eingeloggt. Ich dachte ja erst, mit dem Kleinen stimmt was nicht. Er ist 14 Wochen alt und manchmal wirkt er so weggetreten, dass ich ihn fast wecken wollte, nur um zu sehen, ob er noch reagiert. Aber die Trainerin im Video sagte dann etwas, das mich fast vom Stuhl gehauen hätte: Ein Welpe in diesem Alter braucht zwischen 18 bis 20 Stunden Schlaf pro Tag.
ZWANZIG STUNDEN. Wenn man das mal kurz im Kopf überschlägt, bleiben nur vier Stunden für Fressen, Gassi, Spielen, Kissen-Zerstören und mich-in-den-Wahnsinn-treiben. Mein Problem in den ersten Tagen war: Ich dachte, ich muss ihn beschäftigen. Ich dachte, wenn er nicht schläft, ist ihm langweilig. Also habe ich Spielzeug geworfen, bin extra lange Runden um den Block gelaufen und habe versucht, ihm seinen Namen beizubringen. Falls du dich auch fragst, wie das klappen soll, ohne dass man dabei wahnsinnig wird – ich habe neulich erst darüber geschrieben, wie mein Mischling endlich auf seinen Namen hört, aber Spoiler: Das Training funktioniert nur, wenn der Hund nicht völlig übermüdet ist.
Ich habe dieses Gefühl absoluter Unfähigkeit so satt. Ich dachte echt, ich müsste ihn „müde spielen“. Aber die Realität war: Je mehr ich gemacht habe, desto schlimmer wurde er. Er wurde zum „Landhai“, hat in meine Knöchel gebissen und ist wie ein Irrer durch die WG-Küche gerast. Ich dachte, er hätte zu VIEL Energie. Dabei war er einfach nur völlig drüber, so wie ein Kleinkind, das den Mittagsschlaf verpasst hat und dann auf dem Geburtstag der Tante völlig eskaliert.
Warum 'müde spielen' der größte Fehler meines Lebens war
Eines Nachmittags am letzten Wochenende wollte ich es besonders gut machen. Wir waren im Park, er hat mit anderen Hunden gespielt, wir sind dann noch eine Runde durch das Viertel gelaufen, weil ich dachte: „Komm, danach schläft er bestimmt wie ein Stein.“ Pustekuchen. Als wir zu Hause waren, ist er völlig ausgerastet. Er hat mein Bettlaken zerfetzt und mich angebellt, als wäre ich sein Erzfeind. Da wurde mir klar: Ich habe ihn aus Versehen wachgehalten, weil ich dachte, er MUSS jetzt Action haben.
In der zweiten Woche habe ich angefangen, sein Verhalten genauer zu beobachten. Wenn er anfängt, wahllos in Dinge zu beißen oder extrem unruhig zu werden, ist das bei ihm kein Zeichen von „Ich will spielen“, sondern von „Ich kann nicht mehr“. Hunde verarbeiten im Schlaf alles, was sie erleben. Die Fahrt in der Leipziger Straßenbahn am Montag? Das muss alles in den Kopf rein. Wenn ich ihn dann nicht schlafen lasse, staut sich das alles an wie bei mir vor einer Prüfungsphase, wenn ich die dritte Nacht in Folge nur vier Stunden geschlafen habe.
Ich habe gelernt, dass Welpen noch keine ausgeprägte Impulskontrolle haben. Schlafmangel verstärkt das Beißen und Aufdrehen massiv. Wenn er nicht genug pennt, wird er unkontrolliert. Und das Schlimmste: Er weiß oft selbst nicht, dass er müde ist. Er würde weitermachen, bis er umfällt. Also ist es mein Job, die „Spaßbremse“ zu sein und ihm zu sagen: „Schluss jetzt, ab ins Körbchen.“
Der Traum-Zyklus: Wenn die Pfoten im Schlaf zucken
Hast du deinen Hund mal beim Schlafen beobachtet? Also so richtig? Es dauert etwa 20 Minuten, bis Hunde in die REM-Phase eintreten. Das ist der Moment, in dem die Pfoten anfangen zu zucken, sie leise wuffen oder die Augen unter den Lidern hin und her wandern. Das ist der wichtigste Schlaf überhaupt. In diesen Phasen wird gelernt. Alles, was wir tagsüber „geübt“ haben, wird jetzt im Gehirn fest verdrahtet.
Ich habe am Anfang den Fehler gemacht, ihn genau dann anzustupsen, weil ich dachte, er hat einen Alptraum. Wie dumm von mir! Damit habe ich jedes Mal seinen wichtigsten Erholungsprozess unterbrochen. Heute weiß ich: Wenn er zuckt, dann arbeitet er gerade an seiner „Karriere“ als braver Stadthund. Sogar unsere erste kurze Tour mit der Tram muss er so verarbeiten. Wir haben das neulich ausprobiert, und ich war so stolz, wie er sich an die Straßenbahn in Leipzig gewöhnt hat, aber danach war er für den Rest des Tages quasi im Koma-Modus.
Dieser biologische Standardwert von 20 Minuten bis zur REM-Phase ist für mich jetzt wie ein Timer im Kopf. Wenn er sich hinlegt, versuche ich, die ersten 30 Minuten absolut still zu sein. Keine Spülmaschine ausräumen, kein lautes Telefonat mit meiner Mutter, die sowieso nicht versteht, warum ich mir diesen „Stress“ mit einem Tierschutzhund antue.
Zwangspause oder Selbstregulation? Mein Weg aus dem Kontrollwahn
Jetzt kommt der Punkt, der mich in den letzten Tagen echt zum Nachdenken gebracht hat – und der ein bisschen gegen das geht, was man in vielen Foren liest. Überall heißt es: „Boxentraining! Sperr ihn ein, damit er zur Ruhe kommt!“ Aber ich habe gemerkt, dass dieses zwanghafte Einhalten starrer Ruhezeiten bei meinem Kleinen nach hinten losging. Wenn ich ihn „gezwungen“ habe, zu einer bestimmten Uhrzeit zu schlafen, hat er nur noch mehr Stress bekommen.
Meine neue Theorie (und sie scheint zu funktionieren): Ich muss die Bedingungen für Schlaf schaffen, aber er muss lernen, seine eigenen Müdigkeitssignale wahrzunehmen. Wenn ich ihn immer nur einsperre, damit er schläft, lernt er nie, von selbst zur Ruhe zu kommen, wenn wir mal irgendwo anders sind – zum Beispiel im Café oder später mal mit in der Uni. Ich möchte nicht, dass er nur schlafen kann, wenn die Tür zu ist. Er soll merken: „Oh, mein Kopf wird schwer, ich leg mich mal hier auf meine Decke.“
Das bedeutet für mich: Wenn er aufdreht, nehme ich das Tempo raus. Ich setze mich zu ihm, bewege mich langsam, ignoriere seine Spielaufforderungen (auch wenn es schwerfällt, wenn er mich mit diesen Knopfaugen ansieht). Es ist ein Balanceakt. Zu viel Zwang stört sein natürliches Selbstregulationsvermögen. Er soll kein Roboter werden, sondern ein Hund, der weiß, wann er eine Pause braucht.
Welpen-Schlaf und Uni-Alltag: Eine unmögliche Kombination?
Ehrlich gesagt ist sein Schlaf meine einzige Chance auf Selbstfürsorge. In den 18 bis 20 Stunden, in denen er hoffentlich irgendwann mal verlässlich pennt, muss ich mein ganzes Leben unterbringen. Duschen, Essen kochen, Hausarbeiten schreiben, kurz mal durchatmen, ohne dass jemand an meinem Schnürsenkel kaut. Es ist hart, diesen Rhythmus zu finden. Manchmal sitze ich da, er schläft endlich, und ich bin so erschöpft, dass ich einfach nur die Wand anstarre, statt die Zeit produktiv zu nutzen.
Aber ich merke, wie wir beide langsam reinwachsen. Gestern Nachmittag am Wochenende hatten wir so einen Moment. Er lag auf meinen Füßen, während ich ein Skript gelesen habe. Er war tief weg, und ich habe gespürt, wie sein ganzer Körper locker wurde. In diesem Moment war der ganze Stress der letzten Woche – das Pipi im Bett, das kaputte Kissen, das Heulen auf der Küchentreppe – kurzzeitig vergessen. Wir lernen das gerade. Er lernt das Schlafen, und ich lerne das Loslassen.
Falls du also auch gerade einen Welpen hast, der gefühlt den ganzen Tag verpennt: Sei froh! Genieß die Ruhe. Er ist nicht krank, er ist nicht faul – er ist einfach nur ein Baby, das gerade versucht, diese riesige, laute Welt zu verstehen. Und falls er NICHT schläft und stattdessen deine Einrichtung frisst: Probier mal aus, weniger mit ihm zu machen. Manchmal ist „nichts tun“ das härteste Training der Welt. Für den Hund und für uns.