Welpe frisst alles vom Boden: So trainierst du das Abbruchsignal

Welpe frisst alles vom Boden: So trainierst du das Abbruchsignal

Ich stehe mitten im Clara-Zetkin-Park, die Sonne knallt auf meine Seminarunterlagen, die ich eigentlich haette lesen wollen, und mein kleiner Tierschutz-Wirbelwind erstarrt. Mitte Mai in Leipzig bedeutet: Überall liegen Grillreste, Kronkorken und – natuerlich – weggeworfene Kaugummis. Bevor ich ueberhaupt 'Nein' hauchen kann, hat er diesen klebrigen, schwarzen Klumpen schon im Visier. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Mit Lichtgeschwindigkeit schiesst sein Kopf nach unten. Ich sehe nur noch, wie sich seine kleinen Kiefer oeffnen, und verfalle in eine totale Schockstarre, waehrend ich innerlich schon die Nummer vom Tiernotdienst waehle.

Es ist dieser Moment, den jeder Welpenbesitzer hasst. Dieses schlagartige Herzrasen und die flache Atmung, sobald der Welpe im hohen Gras stehen bleibt und hektisch anfängt zu kauen. Man weiss nicht: Ist es ein Stueck weggeworfenes Broetchen? Ein giftiger Pilz? Oder einer dieser fiesen Giftkoeder, vor denen in den Leipziger Hundegruppen staendig gewarnt wird? In diesem Moment im Park war ich einfach nur fertig. Ich habe versucht, ihm das Ding aus dem Maul zu hebeln, und hatte dieses klebrige, warme Gefühl im Mundwinkel des Welpen an meinen Fingern, waehrend er versuchte, seine Beute vor mir zu retten. Es war eklig, es war panisch und es hat mir mal wieder gezeigt: Ich habe absolut keine Kontrolle.

Die Angst vor dem Staubsauger-Modus

Nach den ersten zehn Tagen mit ihm dachte ich wirklich, ich haette das Schlimmste ueberstanden. Das Bett-Pinkel-Drama war erst mal pausiert, aber dieses Staubsauger-Gen macht mich fertig. Jedes Mal, wenn wir die Wohnung verlassen, verwandelt er sich in eine kleine, pelzige Suchmaschine fuer alles, was NICHT essbar ist. Meine Frustration war riesig, weil mein verzweifeltes 'NEIN' oder 'AUS' bisher nur als Startschuss fuer ein lustiges Fangenspiel verstanden wurde. Er dachte wahrscheinlich: 'Oh toll, die Alte will auch was vom Kaugummi abhaben, ich muss SCHNELLER KAUEN!'

Nahaufnahme eines neugierigen Welpen, der einen Gegenstand auf dem Boden untersucht.

Ich habe in meiner Verzweiflung alles Moegliche ausprobiert. Ich habe versucht, ihn mit Spielzeug abzulenken, ich habe die Leine kurz gehalten – was uebrigens dazu gefuehrt hat, dass der Welpe an der Leine zieht wie ein kleiner Ochse, weil er unbedingt zu dem weggeworfenen Taschentuch drei Meter weiter will. Nichts hat funktioniert. Ich sass am Dienstagabend mal wieder auf meiner Kuechentreppe (mein Stammplatz fuer Heulattacken, ehrlich) und habe mich gefragt, wie ich ihn jemals ohne Maulkorb durch den Wald fuehren soll. Er ist jetzt 14 Wochen alt und hat diese 28 Milchzähne, die wie kleine Nadeln in alles reinbeissen, was sie finden koennen. Und ich? Ich habe einfach nur Angst um ihn.

Der Fehler mit dem inflationären 'Aus'

In der dritten Lektion in meinem Online-Welpenkurs kam dann die Erleuchtung, die mich erst mal total dumm aussehen liess. Die Trainerin sagte etwas, das bei mir sofort Klick gemacht hat: Hör auf, das 'Aus'-Signal inflationär zu benutzen! Wer den Welpen bei jedem kleinsten Fund korrigiert und ihm alles sofort wegnimmt, trainiert ihn ungewollt dazu, Beute schneller zu verschlingen, um sie vor dir zu sichern. Das ist wie bei uns Studenten, wenn in der Mensa jemand sagt 'Darf ich mal probieren?' und man instinktiv den Arm um den Teller legt.

Ich habe genau das getan. Ich bin auf ihn zugestuerzt wie eine Wahnsinnige, habe ihm das Maul aufgerissen und ihm alles weggenommen. Das Ergebnis? Er hat gelernt, dass ICH die Gefahr fuer seine Schätze bin. Er hat nicht gelernt, dass der Boden tabu ist. Er hat nur gelernt, dass er schneller schlucken muss, bevor meine Hand kommt. Das zu realisieren, tat weh. Ich dachte, ich schuetze ihn, aber eigentlich habe ich das Risiko, dass er einen Giftkoeder einfach runterschluckt, nur erhoeht.

Eine Hand hält ein hochwertiges Leckerli als Belohnung für den aufmerksamen Welpen.

Das Abbruchsignal: Ein Versprechen, kein Verbot

Die Erkenntnis im Online-Welpenkurs war: Ein Abbruchsignal (wie 'Lass es' oder 'Tabu') ist kein blosses Verbot, sondern ein Versprechen auf eine bessere Belohnung. Es geht nicht darum, dem Hund etwas wegzunehmen, sondern ihm zu zeigen, dass es sich MEHR lohnt, sich von der Beute abzuwenden und zu mir zu kommen. Das klingt in der Theorie total logisch, aber versuch das mal einem 14 Wochen alten Mischling zu erklaeren, der gerade ein halbes Fischbroetchen am Elsterflutbett gefunden hat.

Wir haben also angefangen, das Ganze ganz kleinschrittig in der Wohnung zu ueben. Ohne Ablenkung, ohne Panik. Ich habe gelernt, dass die empfohlene Trainingsdauer für Welpen gerade mal 2 bis 5 Minuten betraegt. Alles andere ueberfordert das kleine Gehirn total – genau wie ich nach einer dreistuendigen Vorlesung ueber Schulpädagogik nur noch Matsch im Kopf habe. Wir ueben jetzt mehrmals am Tag fuer zwei Minuten. Das passt auch perfekt zwischen zwei Lernsessions fuer meine Hausarbeit.

So bauen wir das 'Lass es' jetzt auf

Der Aufbau ist eigentlich ganz simpel, wenn man erst mal die Panik aus der Stimme laesst. Ich nehme ein eher langweiliges Leckerli in die geschlossene Faust und halte sie ihm hin. Er schubst, er leckt, er knabbert mit seinen 28 Milchzähnen an meiner Hand – ich sage gar nichts. In dem Moment, in dem er kurz innehält und den Kopf wegdreht (weil er denkt: 'Okay, die Faust geht eh nicht auf'), sage ich mein Signalwort 'Lass es' und er bekommt aus der ANDEREN Hand ein viel besseres Leckerli. Ein echtes High-Value-Ding, wie ein Stueckchen Käse oder getrocknete Lunge.

Training des Abbruchsignals: Ein Welpe wartet geduldig vor einer geschlossenen Faust.

Wichtig ist, dass er das Leckerli auf dem Boden NIEMALS bekommt. Das ist jetzt eine No-Go-Area. Wenn ich das Signal gebe, ist das Versprechen: 'Guck weg von dem Dreck und du bekommst bei mir den Jackpot!' Es ist ein Deal auf Augenhöhe, kein Gebrüll. Ich habe am Anfang den Fehler gemacht, zu viel von ihm zu verlangen. Ich wollte sofort, dass er das Stueck Pizza im Park ignoriert. Aber man muss erst mal in der sicheren Wohnung anfangen, wo nicht alles so verdammt gut riecht.

Ganz ehrlich, am Anfang kam ich mir total doof vor, mit meiner geschlossenen Faust im Wohnzimmer zu sitzen, waehrend mein Welpe eigentlich lieber in meine Welpen Erstausstattung beissen wollte (das teure Körbchen hat schon ein Loch). Aber nach ein paar Tagen hat er es kapiert. Er hat verstanden, dass Kooperation mit mir viel cooler ist als der Kampf um einen Krümel.

Der Turning Point: Das Salami-Wunder in der Küche

Letzten Dienstagnachmittag hatte ich dann diesen einen Moment, der mir gezeigt hat, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich habe mir ein Sandwich gemacht – ja, ich ernähre mich momentan fast nur von Sandwiches, weil fuer mehr keine Zeit bleibt – und mir ist ein grosses Stueck Salami runtergefallen. Früher waere er wie ein Piranha darauf gestürzt. Mein Herz fing schon wieder an zu rasen, aber ich atmete tief durch und sagte ruhig: 'Lass es'.

Er hat gestoppt. Mitten in der Bewegung. Er hat die Salami angeguckt, mich angeguckt und dann... hat er sich hingesetzt und gewartet. Ich haette fast wieder geheult, diesmal vor Glueck. Ich habe ihm natuerlich sofort eine noch bessere Belohnung aus dem Kühlschrank gegeben. Das war das erste Mal, dass ich mich nicht wie eine Versagerin gefuehlt habe, die ihren Hund nicht im Griff hat. Es war ein winziger Sieg gegen den Puppy Blues.

Nahaufnahme der spitzen Milchzähne eines Welpen während einer Spielpause.

Dieses strukturierte Training hilft mir uebrigens nicht nur dem Welpen was beizubringen, sondern auch mir selbst. Es gibt mir das Gefuehl, dass ich diese Mammutaufgabe 'Erster eigener Hund' doch irgendwie meistern kann. Es ist nicht mehr nur Chaos und Pipi im Bett, sondern wir fangen an, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wenn er mich so erwartungsvoll anschaut, vergesse ich fast, dass er heute Morgen schon wieder versucht hat, in meine Hausschuhe zu beissen (falls du das gleiche Problem hast, schau mal hier: Welpe beißt in Hände und Füße).

Warum Geduld wichtiger ist als Perfektion

Ich weiss, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Der Clara-Zetkin-Park ist immer noch ein Minenfeld aus weggeworfenen Dönerresten und Entenscheisse. Und ja, es gibt Momente, da ist sein Jagdtrieb oder sein Hunger einfach groesser als mein Signal. Aber ich lerne, dass ich nicht perfekt sein muss. Ich bin eine Anfängerin, er ist ein Baby. Wir lernen beide.

Was ich anderen Neulingen mitgeben kann: Bleibt ruhig. Wenn ihr panisch werdet, wird es euer Welpe auch. Und er wird alles noch schneller runterschlucken, weil er eure Angst spürt. Atmet durch, baut das Signal positiv auf und seid grosszügig mit den Belohnungen. Ein Abbruchsignal soll kein Angstmoment sein, sondern ein 'Hey, guck mal zu mir, ich hab was Besseres!'.

Heute Abend liege ich endlich mal entspannt auf dem Sofa, waehrend er an seinem (erlaubten!) Kauknochen nagt. Mein Online-Kurs hat mir echt den Arsch gerettet, weil er mir gezeigt hat, dass Erziehung nichts mit Dominanz zu tun hat, sondern mit Vertrauen. Und waehrend ich das hier aufschreibe, merke ich, dass ich ihn heute noch kein einziges Mal zurueckgeben wollte. Ein riesiger Fortschritt fuer Woche vier, oder? Wir schaffen das. Schritt für Schritt, Leckerli für Leckerli.