Welpe bei Besuch beruhigen: Wie wir Gäste empfangen ohne totales Chaos

Welpe bei Besuch beruhigen: Wie wir Gäste empfangen ohne totales Chaos

Es passierte letzte Woche Dienstagnachmittag. Ich saß gerade über meinen Unterlagen für das Grundschulpädagogik-Seminar, der Kaffee war kalt, und mein 14 Wochen alter Mischling schlief tatsächlich einmal friedlich auf seinem Kissen. Dann: Die Türklingel. In einer Millisekunde verwandelte sich dieser schlafende Engel in ein wildgewordenes Fellknäuel, das bellend zur Tür schoss, als ginge es um sein Leben.

Als ich meine Kommilitonin reinließ und versuchte, ihr höflich die Jacke abzunehmen, passierte es. Ich spürte diesen messerscharfen, nadelartigen Schmerz an meinem nackten Knöchel. ER HAT MICH GEBISSEN. Nicht böse, sondern vor lauter Aufregung. Während ich auf einem Bein hüpfte und versuchte, nicht laut loszufluchen, sprang der kleine Kerl an ihr hoch, verfing sich in ihrem Schal und das totale Chaos war perfekt. Ich wollte mich am liebsten einfach nur im Bad einschließen und weinen – genau wie an dem Abend vor drei Wochen auf der Küchentreppe, als ich mich gefragt habe, ob ich jemals wieder ein normales Leben führen werde.

Warum „Entspann dich einfach“ der schlechteste Rat aller Zeiten ist

In meinem Freundeskreis hier in Leipzig höre ich oft: „Ach, das ist doch nur ein Welpe, lass ihn einfach, der beruhigt sich schon.“ Oder: „Du musst einfach nur ruhige Energie ausstrahlen.“ JA, KLAR. Versuch mal ruhig zu bleiben, wenn dein Hund gerade versucht, die Designer-Handtasche deines Besuchs zu fressen! Das Problem ist, dass niemand versteht, was dieser Puppy Blues wirklich mit einem macht. Man ist sowieso schon am Ende seiner Kräfte, hat Schlafmangel und dann kommt noch die soziale Angst dazu, dass der Hund alle nervt.

Anfang Mai war es besonders schlimm. Ich hatte Angst, überhaupt jemanden einzuladen. Aber die Wahrheit ist: Wir können uns nicht ewig isolieren. Ich zahle hier in Leipzig 96 Euro Hundesteuer im Jahr für den Kleinen, und ich will, dass er mich irgendwann mal entspannt ins Café begleiten kann. Das funktioniert aber nicht, wenn er jedes Mal hohldreht, wenn ein Mensch die Wohnung betritt. Ich habe gemerkt, dass meine eigene hektische Energie das Ganze nur noch schlimmer gemacht hat. Ich bin zur Tür gerannt, habe „NEIN, AUS, PFUI“ gerufen, und der Welpe dachte wahrscheinlich: „Cool, Frauchen bellt mit, das ist eine RIESEN PARTY!“

Nahaufnahme von Hundeleckerlis und einer Leine zur Vorbereitung auf Besuch

Der Wendepunkt: Aktiv fördern statt frustriert wegsperren

Früher dachte ich immer, ich müsste den Welpen einfach wegsperren oder ignorieren, wenn Besuch kommt. Aber das hat nur dazu geführt, dass er hinter dem Kindergitter völlig frustriert war und noch mehr gejault hat. In meinem Online-Welpenkurs – den ich mittlerweile nachts im Bett schaue, weil ich sonst zu nichts komme – gab es ein Modul zum Thema „Besucher-Training“. Der wichtigste Satz war: Statt den Welpen krampfhaft zu beruhigen, sollte man die Interaktion von Beginn an kontrolliert und AKTIV fördern.

Das bedeutet nicht, dass der Besuch den Welpen sofort durchknuddeln darf. Im Gegenteil. Wir haben angefangen, „Stationstraining“ zu machen. Sein Kissen ist jetzt seine Sicherheitszone. Wenn es klingelt, ist meine Aufgabe nicht mehr, den Hund zu bändigen, sondern ihm eine Aufgabe zu geben. Das klingt so logisch, aber wenn man mitten im Chaos steckt, kommt man nicht drauf. Wir sind jetzt gerade in einer kritischen Phase: Die primäre Sozialisationsphase endet bei Hunden etwa mit 16 Wochen. Ich habe also noch genau zwei Wochen Zeit, um ihm zu zeigen, dass Menschenbesuch etwas Normales und Strukturiertes ist.

Ich habe angefangen, alles in mein Tagebuch zu schreiben, weil ich sonst das Gefühl hätte, wir machen gar keine Fortschritte. Aber als ich gestern Abend im Kurs auf das Häkchen bei „Lektion abgeschlossen“ gestarrt habe, fühlte ich mich ehrlicherweise erfolgreicher als nach meiner letzten Pädagogik-Prüfung. Es ist ein winziger Sieg, aber er bedeutet mir alles.

Wie wir das Training mit einer „Test-Person“ geübt haben

Letzten Samstagnachmittag habe ich mich mit einem Freund aus meinem Seminar verabredet. Er wusste Bescheid: Er ist mein Versuchskaninchen. Ich habe ihm vorher eine Sprachnachricht geschickt: „Bitte ignoriere den Hund komplett. Schau ihn nicht an, sprich nicht mit ihm, egal wie sehr er an dir hochspringt.“ Es fiel ihm sichtlich schwer, aber es war der Schlüssel.

Hier ist, was wir gemacht haben (und was tatsächlich funktioniert hat):

Es war am Anfang trotzdem chaotisch. Er hat gejault, er hat an der Leine gezogen, und ich dachte kurz: „Das wird nie was.“ Aber nach etwa zehn Minuten, in denen mein Kumpel ihn einfach wie Luft behandelt hat, passierte das Wunder: Der Welpe hat sich geseufzt auf den Boden gelegt. In diesem Moment habe ich ihm ganz ruhig einen Kauartikel gegeben. Er war beschäftigt, der Besuch konnte in Ruhe einen Kaffee trinken, und die Welt ging nicht unter.

Welpe liegt entspannt auf seiner Decke und kaut auf einem Spielzeug

Lektionen aus dem Schlamassel: Was ich heute anders mache

Was ich schmerzlich lernen musste: Meine Freunde, die keine Hunde haben, verstehen das einfach nicht. Sie kommen rein und rufen „Oooooh, wie süß!“, während der Hund gerade versucht, ihre Schnürsenkel zu sezieren. Ich musste lernen, klar zu sagen: „STOPP. Bitte erst hinsetzen und den Hund ignorieren.“ Das fühlt sich am Anfang total unhöflich an, aber es ist der einzige Weg, wie wir alle überleben.

Ich achte jetzt auch viel mehr auf seine Signale. Früher dachte ich, er freut sich einfach riesig, wenn er so rumflippt. Aber oft ist es purer Stress. Wenn du mehr darüber wissen willst, wie man diese subtilen Zeichen deutet, schau dir mal meinen Text dazu an, wie man die Körpersprache beim Hund lernen kann – das hat mir echt die Augen geöffnet, was in seinem kleinen Kopf vorgeht, wenn es an der Tür klingelt.

Wir sind noch lange nicht bei „perfekt“. Gestern hat er vor lauter Aufregung doch wieder einen kleinen Pipi-See im Flur hinterlassen, als der Postbote kam. Aber wisst ihr was? Es waren keine Tränen auf der Küchentreppe dabei. Ich hatte einen Plan. Ich wusste, warum es passiert ist. Und ich wusste, dass wir heute Nachmittag einfach weiterüben.

Falls du also auch gerade mit einem Welpen kämpfst, der jeden Gast wie einen Einbrecher oder ein Spielzeug behandelt: Du bist nicht allein. Es ist okay, wenn es nicht sofort klappt. Es ist okay, wenn du den Besuch bittest, draußen zu warten, bis du den Hund angeleint hast. Wir lernen das beide noch – der Hund und ich. Und irgendwann, da bin ich mir sicher, werden wir ganz entspannt im Clara-Zetkin-Park sitzen und die Leute können an uns vorbeilaufen, ohne dass mein Blutdruck auf 200 schießt.