
Eines Abends im März saß ich weinend in einem gemieteten Carsharing-Auto in Reudnitz, während der Welpe den Rücksitz vollgepinkelt hatte, weil ich dachte, wir könnten einfach so zum Tierarzt fahren. Ich war völlig fertig mit der Welt. Es war nass, es war dunkel und mein kleiner Tierschutz-Wirbelwind hat gejault, als würde er abgestochen werden. Da saß ich nun, Lehramtsstudentin im siebten Semester, eigentlich kurz vor der Examensvorbereitung, und habe mich gefragt, warum zum Teufel ich dachte, dass ich das mit einem Hund schaffe.
Das Carsharing-Trauma oder: Warum Vorbereitung alles ist
Ich sage es euch ganz ehrlich: In meinem Kopf sah das alles so ästhetisch aus. Ich, mit Sonnenbrille am Steuer, der Hund schläft friedlich auf dem Beifahrersitz (völlig illegal, weiß ich jetzt auch) und wir fahren in den Sonnenuntergang. Die Realität? Ein schreiender Welpe, der Geruch von Angstpipi im Polster und ich, wie ich versuche, gleichzeitig zu steuern und das kleine Monster zu beruhigen. Spoiler: Es funktioniert nicht. Gar nicht.
Als Studentin in Leipzig habe ich kein eigenes Auto. Ich bin auf Carsharing angewiesen. Das macht die Sache mit dem Training nicht gerade einfacher. Man kann den Welpen nicht einfach mal eben zehnmal am Tag ins Auto setzen, wenn das Auto drei Straßen weiter steht und jede Minute Geld kostet. Aber wir mussten es lernen. Spätestens, als der erste Tierarztbesuch mit dem Welpen anstand und ich merkte, dass ich ihn nicht einfach in der Straßenbahn transportieren kann, wenn er bei jedem Geräusch eine Panikattacke bekommt.
Mein Welpe ist jetzt 14 Wochen alt und wir haben in den letzten zwei Monaten mehr über Ladungssicherung gelernt als in meinem gesamten bisherigen Leben. Wusstet ihr, dass Hunde laut Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) als Ladung gelten? Speziell der Paragraph 22 besagt, dass Tiere so gesichert sein müssen, dass sie selbst bei einer Vollbremsung nicht durch die Gegend fliegen. Ich sorge mich also nicht nur um seine Psyche, sondern auch um mein (nicht vorhandenes) studentisches Budget, falls mich die Polizei anhält.

Der größte Fehler beim Training: Die Leberwurst-Falle
In den ersten Wochen habe ich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Ich habe angefangen, alles aufzuschreiben, weil ich sonst verrückt geworden wäre. Mein Online-Welpenkurs hat mir dann endlich die Augen geöffnet. Aber es gab einen Rat, den man überall liest und der bei uns fast alles ruiniert hätte: „Fütter deinen Welpen im stehenden Auto, damit er es positiv verknüpft.“
Klingt logisch, oder? Also saß ich stundenlang (okay, gefühlt stundenlang, eigentlich waren es eher 20 Minuten) mit ihm im parkenden Auto und habe Leberwurst in ihn hineingestopft. Das Ergebnis? ER HAT ALLES WIEDER AUSGEKOTZT, sobald wir uns nur fünf Meter bewegt haben. Mein persönlicher „Inner Truth Moment“: Hört auf, euren Welpen stundenlang im parkenden Auto zu füttern! Bei vielen Hunden löst das nämlich erst recht Übelkeit aus, weil die Sinnesreize völlig widersprüchlich sind. Das Auge sagt „wir stehen“, aber der Geruch und die leichte Vibration (wenn der Motor doch mal angeht) sagen was anderes. Das Gehirn kommt nicht hinterher.
Stattdessen habe ich gelernt: Weniger ist mehr. Der stechende Geruch von Enzymreiniger im Fußraum des Beifahrersitzes, während ich versuchte, das Carsharing-Auto vor der Rückgabe panisch zu säubern, war mir eine Lehre. Seitdem gibt es etwa 2 Stunden vor einer längeren Fahrt überhaupt kein Futter mehr. Das ist eine harte Regel, besonders wenn er mich mit seinen Kulleraugen anschaut, aber es rettet die Polster (und meine Nerven).
Schritt für Schritt gegen den Puppy Blues
Nach der zweiten Kurswoche fingen wir ganz klein an. Nicht direkt losfahren! Erst mal nur zum Auto laufen. Dann die Tür aufmachen. Dann wieder zumachen. Wieder weggehen. Ich kam mir so dumm vor, wie ich da auf dem Parkplatz in Reudnitz stand und einfach nur Türen auf- und zugemacht habe, während die Nachbarn mich beobachteten, als hätte ich sie nicht mehr alle. Aber hey — es hat funktioniert.
Hier sind meine Tipps, die uns aus der Verzweiflung geholfen haben:
- Der sichere Ort: Besorgt euch eine vernünftige Box oder ein Trenngitter. Ich nutze eine faltbare Stoffbox, die ich ins Carsharing-Auto wuchten kann. Das gibt ihm Sicherheit, weil er nicht sieht, wie die Welt draußen vorbeirast.
- Die Sache mit dem Geschirr: Das metallische Klicken der Anschnallschnalle am Hundegeschirr, gefolgt von dem tiefen, erleichterten Seufzer des Welpen, als er sich endlich hinlegt — das ist für mich mittlerweile das schönste Geräusch der Welt. Es signalisiert: Wir sind bereit. Wir sind sicher.
- Kurze Strecken: Fahrt am Anfang nur um den Block. Nicht direkt zum See. Nur einmal um den Ring und wieder zurück.
- Ruhe bewahren: Wenn er jault (und er WIRD jaulen), nicht direkt anhalten und ihn rausnehmen. Das bestätigt ihm nur, dass Jaulen der Ausweg ist. Hart bleiben, auch wenn das Herz blutet.
Manchmal, wenn er mal wieder völlig überdreht ist, hilft gar nichts. Ich habe dazu auch schon mal aufgeschrieben, was ich mache, wenn der Welpe seine wilden 5 Minuten bekommt – das passiert nämlich auch gerne mal direkt nach einer stressigen Autofahrt.

Kleine Siege und der Weg zum Cossi
Eines Morgens im Mai passierte es dann. Wir stiegen ein, ich schnallte ihn an, er legte sich hin und... schlief. Einfach so. Ich bin fast vor Schreck gegen einen Poller gefahren (nur ein Scherz, Mama!). Aber dieser Moment, in dem der Stress nachlässt und man merkt, dass das Training Früchte trägt, ist unbezahlbar. Es ist dieser winzige Lichtblick, der einen den Puppy Blues vergessen lässt.
Letztes Wochenende sind wir zum ersten Mal entspannt zum Cospudener See gefahren. Ein Moment der Ruhe, der mir zeigt, dass sich die Geduld trotz aller Tränen auszahlt. Wir sind nicht mehr das heulende Duo auf der Küchentreppe. Wir sind jetzt ein Team, das mobil ist. Na ja, meistens zumindest. Wenn er nicht gerade versucht, den Sicherheitsgurt durchzukauen (ER HAT SCHON WIEDER ANGEFANGEN!).
Falls ihr gerade an dem Punkt seid, an dem ihr den Hund am liebsten bei eBay Kleinanzeigen (bitte nicht!) inserieren wollt, weil er das Auto vollgekotzt hat: Ich fühle mit euch. Wirklich. Es wird besser. Aber nehmt euch die Zeit. Und lasst die Leberwurst im Kühlschrank, wenn ihr nur im Stand übt. Eure Autopolster werden es euch danken.
Wenn ihr zwischendurch mal eine Pause braucht, schaut euch vielleicht mal an, wie ihr den Welpen zur Ruhe kommen lassen könnt, wenn ihr eigentlich für ein Seminar lernen müsst. Das ist nämlich die nächste große Baustelle in meinem Leben als Hunde-Mama-Studentin. Aber hey, wir haben das Autofahren überlebt — den Rest schaffen wir auch noch!