Welpe Rückruf trainieren: Wie mein kleiner Wirbelwind endlich hören lernt

Welpe Rückruf trainieren: Wie mein kleiner Wirbelwind endlich hören lernt

Eigentlich wollte ich nur eine entspannte Runde durch den Clara-Zetkin-Park drehen, ein bisschen Frühlingsluft schnappen und den Kopf vom Uni-Stress freibekommen. Aber dann fixiert der Kleine diese eine Taube. Ein kurzer Ruck, die Leine flutscht mir aus den Fingern und da ist es — dieses kurze, heiße Stechen in der Brust, wenn man für eine Sekunde komplett die Kontrolle verliert.

Ich stand da, habe seinen Namen gerufen, erst sanft, dann hysterisch, und er? Er hat mich nicht mal ignoriert. Ich war in diesem Moment für ihn einfach Luft. Ein Hintergrundgeräusch wie der Wind in den Bäumen oder das ferne Quietschen der Straßenbahn am Wilhelm-Leuschner-Platz. Er rannte einfach weiter. In diesem Moment hätte ich mich am liebsten mitten auf den Weg gesetzt und losgeheult — schon wieder.

Die bittere Realität nach dem Puppy Blues

Wer mir auf diesem Blog folgt, weiß: Die erste Woche war der Horror. Zweimal ins Bett gepinkelt, ein Kissen geschreddert und ich am Dienstagabend heulend auf der Küchentreppe. Jetzt, Mitte Mai, sind wir seit etwa zwei Monaten ein Team, aber der Rückruf war bisher mein persönlicher Endgegner. Es ist so frustrierend, wenn man in der Wohnung das Gefühl hat, der Hund liebt einen abgöttisch, aber kaum öffnet sich die Haustür, mutiert man zur totalen Statistin in seinem Leben.

Ich dachte immer, Rückruf ist einfach: Man ruft den Namen und der Hund kommt. Spoiler: Nö. Absolut nicht. Vor allem nicht, wenn man einen 14 Wochen alten Wirbelwind aus dem Tierschutz hat, der die Welt gerade zum ersten Mal so richtig entdeckt. Ich habe in meinem Umfeld niemanden, der versteht, was dieser „Puppy Blues“ wirklich bedeutet — diese Mischung aus tiefer Liebe und dem impulsiven Wunsch, das Tier sofort wieder zurückzugeben, weil man sich so unfähig fühlt.

An diesem einen windigen Nachmittag im April, als er fast in die Elster gesprungen wäre, wurde mir klar: Wir brauchen einen Plan. Einen echten Plan, der über mein verzweifeltes „Hierher!“ hinausgeht.

Der größte Fehler: Warum ich aufgehört habe, seinen Namen zu rufen

Hier kommt das Learning, das mein ganzes Training verändert hat: Hör auf, den Namen deines Welpen beim Rückruf zu rufen! Ernsthaft. Ich habe das in meinem Online-Welpenkurs gelernt und erst mal gar nicht kapiert. Aber es macht total Sinn: Wir benutzen den Namen den ganzen Tag. „Kalle, lass das!“, „Kalle, guck mal“, „Kalle, bist du süß“. Der Name verkommt zu einem bedeutungslosen Hintergrundgeräusch. Er ist eine Information, aber kein Befehl, alles stehen und liegen zu lassen und zu mir zu flitzen.

Der Name ist für die Aufmerksamkeit da, aber der Rückruf braucht ein exklusives Signal. Etwas, das niemals — wirklich NIEMALS — negativ besetzt ist. Wenn ich ihn rufe, weil ich ihm die Zecke entfernen will oder weil wir den Park verlassen müssen (was er doof findet), dann nutze ich nicht das „Super-Signal“. Das war mein erster riesiger Fehler.

Der Wendepunkt: Training im WG-Flur und die Wunderwaffe Leberwurst

Nach drei Modulen des Online-Kurses habe ich das Training radikal umgestellt. Wir haben im Flur angefangen. Keine Ablenkung, nur wir zwei und eine Tube Leberwurst. Das klebrige Gefühl von Leberwurst an meinen kalten Fingern gehört jetzt fest zu meinem Alltag — genau wie der Geruch von nassem Hundefell nach dem Training im Aprilregen. Es ist eklig, aber es wirkt Wunder.

Ich habe mich für eine Hundepfeife entschieden, genauer gesagt eine ACME Pfeife mit der Frequenz 211.5. Warum? Weil die Pfeife immer gleich klingt. Egal, ob ich gerade einen schlechten Tag in der Uni hatte, meine Mitbewohnerin mich genervt hat oder ich vor Panik fast keine Luft bekomme — die Pfeife bleibt emotionslos und klar. Das ist für den Kleinen viel einfacher zu verstehen als meine hysterische Stimme.

Der Aufbau war simpel, aber mühsam:

Die 5-Meter-Schleppleine: Mein Sicherheitsnetz

Da ich nach dem Vorfall im Park echtes Bauchkribbeln (der schlechten Sorte) hatte, habe ich mir eine 5 Meter lange Schleppleine besorgt. Länger macht für uns in der Stadt wenig Sinn, weil man sich sonst nur in Fahrrädern oder anderen Hunden verheddert. Diese Leine ist mein Rettungsanker. Sie gibt ihm Freiheit, aber sie verhindert, dass er Erfolg mit seinem „Ich hau mal kurz ab“-Plan hat.

Ich hab ja schon mal darüber geschrieben, wie wichtig Erziehung-Grundlagen sind, aber draußen ist das alles noch mal eine ganz andere Hausnummer. Das Training an der Schleppleine erfordert Multitasking-Fähigkeiten, die ich in keinem Seminar lerne: Leine halten, Hund beobachten, Umgebung scannen (Katzen! Tauben! Kinder mit Eis!) und im richtigen Moment pfeifen.

Ein kleiner Moment des Stolzes: Letzte Woche auf der Wiese. Er sieht einen anderen Hund, will losstürmen, ich pfeife EINMAL. Er hält inne, dreht die Ohren nach hinten und schießt mit wehenden Ohren auf mich zu. Ich hätte ihn in diesem Moment fast erdrückt vor Freude (und ihn natürlich mit Leberwurst vollgestopft).

Warum wir immer noch üben müssen

Wir sind noch lange nicht perfekt. Es gibt Tage, da ist sein Gehirn wie eine frisch formatierte Festplatte — einfach leer. Besonders wenn wir an neuen Orten sind. Ich versuche jetzt oft, die Welt als mein Klassenzimmer zu sehen, genau wie ich es in meinem Text über Welpen-Sozialisierung in Baumärkten und Cafés beschrieben habe. Jeder Ort bietet neue Reize, die den Rückruf erschweren.

Was ich gelernt habe: Geduld ist kein Wort, das in meinem studentischen Wortschatz bisher eine große Rolle spielte (eher „Abgabefrist“ und „Koffein“), aber der Hund zwingt mich dazu. Wenn er nicht kommt, bin ich nicht sauer auf ihn — ich bin höchstens genervt von der Situation. Meistens war die Ablenkung dann einfach noch zu groß für seinen aktuellen Trainingsstand.

Mein Fazit für alle, die kurz vor dem Verzweifeln sind

Wenn du gerade mit deinem Welpen im Regen stehst, er dich ignoriert und du dich fragst, warum du dir das angetan hast: Du bist nicht allein. Der Rückruf ist kein Schalter, den man umlegt. Es ist eine Beziehung, die man aufbaut. Es geht darum, dass du für deinen Hund spannender wirst als der Rest der Welt — oder zumindest die bessere Brotzeit dabei hast.

Macht euch nicht fertig, wenn es nicht sofort klappt. Nutzt Hilfsmittel wie die Schleppleine, um eure Nerven zu schonen. Und vor allem: Sucht euch ein Signal, das nichts mit dem Alltagskram zu tun hat. Diese Trennung zwischen „Ich rede mit dir“ und „DAS IST DER RÜCKRUF“ war für uns der absolute Gamechanger.

Eines Abends Mitte Mai saß ich mit ihm in der WG-Küche, er war total k.o. vom Training und hat seinen Kopf auf meinen Fuß gelegt. In diesem Moment war der ganze Frust der letzten Wochen vergessen. Das Tagebuchschreiben hilft mir so sehr, diese kleinen Siege über den täglichen Wahnsinn zu stellen. Wir schaffen das — Schritt für Schritt, Pfiff für Pfiff.